Mittelalterliche Gedichte
Ihr Pfaffen und ihre Ritter
Ihr Pfaffen und ihre Ritter,
treibt die Mißgunst unter euch aus,
ihr erlebt sonst Zeiten großeb Unglücks!
Ihr sollt euch recht vor Augen führen,
wie es mit Euch steht:
Pfaffe, Ritter; Bauer, die drei sollten Bundesgenossen sein.
Der Bauer soll für den Pfaffen und den Ritter pflügen,
entsprechend soll der Pfaffe den Bauern und den Ritter vor der Hölle bewahren,
soll der edle Ritter dem Pfaffen und dem Bauern jene fernhalten, die ihnen etwas antun wollen.
Auf nun, ihr drei edlen, werten Gefährten!
Stola und Schwert, wollt ihr einander recht beistehen, so erwächst der Christenheit durch euch nur Segen.
Stola und Schwert, der Pflug tut alles, was seine Pflicht ist.
Steht ihr mit Treue zueinander, kann niemand euch zu Fall bringen.
Autor: Anonym
Ich kenne einen König:
Ludwig ist sein Name, er dient Gott mit ganzem Herzen
Ich bin gewiß, er wird es ihm lohnen. Den Vater verlor er schon in jungen Jahren,
doch erhielt er sogleich Ersatz: Der Herr selbst nahm sich seiner an und wurde sein Erzieher.
Er übergab ihm eine Mannschaft, ein herrscherliches Gefolge,
schenkte ihm hier im Frankenland den Thron.
Noch lange möge er sich dieser Gaben erfreuen!
Die Herrschaft hat er bald mit Karlmann, seinem Bruder, geteilt, die Summe der Freuden.
Als das vollzogen war, wollte Gott ihn prüfen,
ob er jung noch an Jahren, Gefahren zu bestehen vermöchte.
Er ließ Heiden über See kommen, um das Volk der Franken seiner Sünden wegen zu mahnen.
Die einen gingen sofort verloren, die andern wurdenzum ewigen Heil auserwählt.
Harte Strafe mußte jetzt erleiden, wer bis dahin in Sünden gelebt hatte.
Der vormals ein Dieb gewesen war, begann zu fasten:
dadurch rettete er sich und wurde noch ein guter Mensch.
Der eine war ein Betrüger, der andere ein Räuber, ein dritter lebte ohne jede Beherrschung.
Doch auch er befreite sich von diesem Makel durch Buße.
Der König war in der Ferne, das Reich war von Wirren erschüttert.
Voll Zorn war da der heilige Christus. Wehe, das Reich mußte dafür büßen!
Doch Gott war voll Erbarmen, er kannte ja ganz die gefährliche Lage,
und so gebot er Ludwig, ohne Zögern dorthin zu reiten:
"Ludwig, mein König, hilf du meinen Leuten! Die Normannen haben sie so sehr bedrängt."
Da erwiderte Ludwig: "Herr, ich werde, wenn mich der Tod nicht daran hindert, alles tun, was du befiehlst."
Er empfahl sich seinem Gott, erhob das Kriegsbanner und ritt gegen die Normannen ins Frankenland.
Da dankten Gott, die ihn erwartet hatten.
Alle sprachen: "Herr, wir wartenschon so lange auf dich."
Mit lauter Stimme aber sagte Ludwig der Gute: "Faßt euch, Freunde, ihr meine Kampfgefährten!
Gott hat mich hergesandt und gebot mir selbst, wenn es euch eine Hilfe wäre, hier zu kämpfen
und mich nicht zu schonen, bis ich euch retten würde.
Nun ist es mein Wunsch, daß alle mir folgen, die in Gottes Gnade stehen.
Unser irdisches Sein ist nach dem Willen des heiligen Christus bemessen.
Will er unseren Tod, so hat er dazu die Macht. Wer tapfer hier Gottes Willen vollbringt,
dem werde ich es lohnen, wenn er lebend den Kampf übersteht.
Bleibt er aber im Kampf,[vergelte ich es seinen Verwandten
Darauf nahm er den Schild und den Speer. Mutig ritt er allen voran.
Er wollte mit seinen Feinden eine deutliche Sprache sprechen.
Nach nicht allzulanger Zeit stieß er auf die Normannen.
Er lobte Gott; nun soll er sehen, was er gewünscht hat! Kühn sprengte der König voran,
ein heiliges Lied auf den Lippen, und alle fielen ein mit «Kyrie eleison».
Der Gesang war kaum verklungen, da tobte schon die Schlacht los.
Das Blut schien durch die Wangen, froh jagten da die Franken.
Es focht ein jeder Krieger, doch keiner so wie Ludwig, so mutig und so kühn?es war ihm angeboren.
Den einen, den durchschlug er, den andern durchbohrte er.
Er kredenzte ohne Pause seinen Feinden wahrlich bitteren Trank. Wehe immer über ihr Leben!
Gottes Allmacht sei gepriesen: Ludwig wurde Sieger.
Dank sei gleichfalls allen Heiligen! Seinem Kampf wurde der Sieg zuteil.
Dir aber, Ludwig, Heil, du unser König, im Kampf voll Glück!
Er war stets zur Stelle, wo seine Hilfe vonnöten war.
Gott der Herr erhalte ihn stets in seiner Gnade!
Autor: Anonym
Wessobrunner Schöpfungsgedicht
Das erfuhr ich bei den Menschen als größtes der Wunder erfahren, das es weder die Erde gab noch den Himmel oben ,
weder gab es Baum noch Berg ,
weder schien irgendein [...] noch die Sonne
weder leuchtete der Mond noch das helle Meer.
Als es da nichts gab von Enden und Grenzen,
da gab es früher(?) den einen allmächtigen Gott,
den [gnaden]reichsten der Männer,
und da gab es auch viele ruhmvolle Geister bei ihm.
Und der heilige Gott [...]
Allmächtiger Gott, du hast Himmel und Erde geschaffen,
und t den Menschen so viel Gutes verliehen,
verleihe mir in deiner Gnade wahren Glauben und den guten Willen, Weisheit und Einsicht und Kraft,
den Teufeln zu widerstehen und das Böse zu vermeiden und deinem Willen zu tun!
Autor: Anonym
Der Graf von Heumar
Graf von Heumar feister Streuner, hat uns unser Kind geraubt,
auf zur Burg hinauf nach Heumar, wo man sie zu sehn geglaubt.
Nehmt die Fackel brave Leut, schaut das man sie wieder find.
Keine Hoffnung gibts ihr Braven, dort regiert das Schwert und Wind.
Auf dem Turme hört mans klagen, sind dort droben unsre Fraun?
Die ihr lebet dort bei Heumar, tut auf eure Brut gut schaun.
Autor: Anonym
Merseburger Zauberspruch
Phol und Wodan ritten in den Wald. Da wurde Balders Fohlen de Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt [und] Sunna, ihre Schwester;
da besprach ihn Frija [und] Volla, ihre Schwester;
da besprach ihn Wodan so, wie er es gut konnte:
Ob Beinverrenkung, ob Blutstau, ob Gliedverrenkung:
Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt wären!
Autor: Anonym
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